Der Schatten des Seeräubers – Warum Gutsein nicht genügt

Es gibt einen Satz, der hat sich in mein Hirn gebrannt wie das Tattoo eines alten Kapitäns:
„Jeder trägt Gut und Böse in sich. Wer das Böse in sich selbst nicht zulassen will, projiziert es auf andere – und nennt sich dann Gutmensch.“

Ein Satz wie eine Harpune ins Herz der moralischen Selbstgefälligkeit.
Ein Satz, der nicht im seichten Wasser dümpelt, sondern abtaucht in die Tiefsee unserer Seele.

Denn was heißt das eigentlich?

Dass in jedem von uns ein Sturm tobt. Dass jeder Seeräuber in sich den Heiligen und den Halunken trägt. Dass niemand frei ist von Wut, Neid, Gier oder Zorn – auch wenn man sich noch so sehr bemüht, das Gegenteil zu glauben. Der Unterschied liegt nicht darin, ob wir dunkle Seiten haben. Sondern darin, ob wir den Mut haben, sie anzusehen.

Carl Gustav Jung nannte das den „Schatten“. Das, was wir nicht sein wollen. Was wir unterdrücken, verstecken, verleugnen. Und genau dieser Schatten wird gefährlich, wenn wir ihn nicht annehmen. Denn dann tritt er auf die Bühne – verkleidet. Als Feindbild. Als Hass auf „die anderen“. Als übersteigerte Moral, die keine Fehler mehr erlaubt. Als Kampf für das Gute, bei dem das Menschliche auf der Strecke bleibt.

Der sogenannte Gutmensch – jener Begriff, der heute in viele Richtungen zerrt – ist oft jemand, der seine dunkle Seite nicht kennt oder nicht kennen will. Stattdessen lebt er in einer Welt der reinen Absichten. Alles ist richtig, alles ist tolerant, alles ist lieb. Bis jemand kommt, der anders denkt – und plötzlich ist es vorbei mit der Nächstenliebe. Dann wird gehetzt, gecancelt, moralisch abgeurteilt. Alles im Namen des Guten.

Nur: Wer nur das Gute zulässt, ist gefährlich.
Weil er nicht sieht, dass er längst Teil des Problems ist.

Der Seeräuber aber ist anders. Er hat seine Schattenseite nicht im Keller eingesperrt, sondern ihr ins Gesicht geschaut. Er kennt die Versuchung, den Zorn, die dunklen Gelüste. Und gerade deshalb wählt er bewusst einen anderen Kurs. Nicht aus moralischem Hochmut, sondern aus Erkenntnis. Und aus Respekt vor sich selbst und vor anderen.

Denn echte Freiheit entsteht nicht, wenn wir das Dunkle ausradieren.
Sie entsteht, wenn wir es zähmen – und integrieren.
So wie der Seeräuber mit dem Totenschädel im Gesicht nicht zum Mörder wird, sondern zum Wächter seiner eigenen Abgründe.

Zwischen Gut und Böse liegt nicht die Grenze – sondern der Mensch.

Und nur wer beides kennt, hat das Recht, zu führen.
Wer nur eine Seite lebt, lebt im Wahn.

Der Schatten des Seeräubers – Warum Gutsein nicht genügt
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